Praxis - Supervision - Seminare
Zentrum für Homöopathie & Geburtshilfe
Homöopathie in der Geburtshilfe
"Vom Augenblick der Empfängnis
bis zur Entbindung neun Monate später
ist der Mensch empfänglicher für seine Umwelt,
als er es in seinem Leben je wieder sein wird."
Ashley Montagu
Homöopathie während Schwangerschaft, Geburt & Wochenbett
Die Nachfrage ist
groß, nach einer sanften Begleitung während dieser
besonderen Lebensphase von Schwangerschaft und
Geburt.
In keiner anderen Lebensphase ist der Wunsch nach
gesunder Ernährung und Lebensführung, aber auch einer
Medizin ohne Nebenwirkung, so gefragt. Fast
instinktiv öffnet sich die werdende Mutter einer
bestmöglichen Behandlung für sich und ihr Kind.
Die Homöopathie kann ein wunderbarer Begleiter in
dieser Zeit sein, das zeigt sich immer wieder in der
Praxis und so manche klinische Dramen sind durch
ihren Einsatz zu verhindern.
Ihre dynamischen, jedoch in potenzierter Form toxisch
nicht belastbaren Arzneien, vermögen in ihrer
Resonanz viele Störungen im natürlichen Verlauf von
Schwangerschaft und Geburt zu lindern oder
aufzulösen. Dieser Punkt ist ein wichtiges
Entscheidungskriterium der werdenden Eltern die
Homöopathie als Alternative in dieser sensitiven
Lebensphase zu wählen.
Wer Frauen während der Schwangerschaft homöopathisch
begleitet, der wird als Therapeut mit vielen Fragen
konfrontiert, die in anderen Lebensphasen eine
weitaus geringere Rolle spielen. Vieles was sonst
selbstverständlich erscheint, wird während der
Schwangerschaft zu Recht doppelt hinterfragt.
Schon durch die hormonellen Veränderungen stellen
sich körperliche und seelische Umstellungen ein, wozu
sich auch mancherlei Beschwerden gesellen können.
Dies wirft zusätzliche Fragen auf. Darüber hinaus
wächst das Verantwortungsgefühl für das
heranwachsende Kind.
Welche Störungen können homöopathisch behandelt
werden, welche gehören zu einer Schwangerschaft
normalerweise dazu?
Diese Fragen stehen häufig ganz am Anfang und sind
auch nach vielen Jahren der Erfahrung nicht immer
eindeutig zu klären.
Eine große Entscheidungshilfe zur Behandlung von
Schwangeren und ihren Beschwerden, ist die
Differenzierung zwischen akuten und chronischen
Störungen (auch wenn dies manchmal nicht leicht
fällt). Denn hier gibt es durchaus unterschiedliche
Vorgehensweisen.
Bei der akuten Behandlung liegt meist eine klare
Hauptbeschwerde vor mit der sich die Schwangere
konfrontiert sieht. Es gibt einen deutlichen, akuten
Leidensdruck und somit auch einen klaren
Behandlungsauftrag.
Häufige akute Indikationen aus der Praxis sind:
• Blutungen mit
drohender Fehlgeburt
• Hyperemesis (Übelkeit & Erbrechen)
• Anämie
• EPH- Gestosen
• Störungen der Wehentätigkeit
Aber auch leichtere Beschwerden wie z.B.:
• Sodbrennen
• Hämorrhoiden
• Wadenkrämpfe
• Nasenbluten
• Schlaflosigkeit
gehören zu den eher
akuten Schwangerschaftsbeschwerden mit denen man in
der homöopathischen Praxis konfrontiert wird. Hier
ist die Grenze zwischen akuter oder chronischer
Beschwerde jedoch weniger leicht zu ziehen.
Zusätzlich stellt sich bei dieser Gruppe von
Beschwerden auch die Frage, ob es überhaupt schon
einer homöopathischen Arznei bedarf, oder sich durch
andere Maßnahmen (z.B. diätetische) Linderung
verschaffen lässt. Besonders zu diesem Punkt sind der
Austausch und die Zusammenarbeit mit einer erfahrenen
Hebamme sehr von Vorteil.
Bei der chronischen Behandlung fällt die Definition
für den „klaren Behandlungsauftrag“ schon
schwieriger. Ich selbst habe zu Beginn meiner
Praxiszeit immer für
eine
“Konstitutionstherapie” (chronische Behandlung)
plädiert, ganz im Sinne Samuel Hahnemanns. Er hat in
seinem “Organon der Heilkunst” die chronische
Behandlung der werdenden Mütter durch eine
antipsorische Kur (§ 284) sehr empfohlen: .....„damit
ihre Nachkommenschaft im Voraus dagegen geschützt
sei. Dies ist so wahr, daß die Kinder so behandelter
Schwangern gemeiniglich weit gesünder und kräftiger
auf die Welt kommen“.....
Diesen Standpunkt vertrete ich heute weitaus
eingeschränkter.
Eine chronische Behandlung während der
Schwangerschaft ist aus meiner Sicht dann besonders
empfehlenswert, wenn diese durch eine spezielle
Indikation notwendig wird und durch die
homöopathische Arznei ein Zugewinn für den positiven
Verlauf der Schwangerschaft sowie der Entwicklung des
Kindes in Aussicht stehen. Insbesondere dann, wenn
die Frau in einer vorherigen Schwangerschaft negative
Erfahrungen gemacht hat.
Eine Begleitung von
Anfang an, Hebammen & Homöopathie
Als ich vor 10
Jahren begann Hebammen in klassischer Homöopathie zu
unterrichten, war dies meine erste intensive
Begegnung mit dem Berufsbild der Hebamme. Bis heute
ist meine Achtung vor diesen Frauen, die von Anfang
an das neu entstehende Leben begleiten, sehr groß.
Die intensive Zusammenarbeit hat mich sehr geprägt
und bereichert.
Mir ist es ein großes Anliegen die Hebammen mit einem
möglichst breiten Basiswissen aus Theorie &
Praxis der Homöopathie auszustatten, damit sie im
Moment einer Arzneiindikation angemessen handeln
können.
Besonders die Störungen der “primären Lebensphase”,
die für das spätere Leben einen so besonderen
Einfluss haben, lassen sich mit einer guten
homöopathischen Begleitung frühzeitig beeinflussen.
Sowohl durch ihre Präsenz als auch ihrer fachlichen
Kompetenz, ist die Hebamme besonders geeignet etwaige
Störungen im natürlichen Verlauf von Schwangerschaft
& Geburt homöopathisch zu begleiten.
Niemand anders als die Hebamme ist so nah an der
Geburt, kennt die Schwächen und Stärken der Frauen
besser in dieser Endphase der Schwangerschaft. Durch
Beobachtung und Erfahrung kann sie schnell erkennen
wo es zu einer Blockade kommt, wo es einen (Geburts)-
Stillstand gibt und eine homöopathische
Arzneiindikation entsteht.
Stehen größere Blockaden oder klinische Hindernisse
im Raum, so trägt die enge Zusammenarbeit zwischen
Hebamme & Homöopath (Arzt oder Heilpraktiker),
zum bestmöglichen Heilungsergebnis für Mutter &
Kind bei.
Der richtige
Zeitpunkt für die homöopathische Behandlung
Häufig stellt sich
die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den
Behandlungsbeginn.
Hier gilt es stets abzuwägen was in dieser
Schwangerschaft die bestmögliche Unterstützung für
Mutter & Kind sein kann.
Dazu ein typisches Beispiel aus der Praxis: eine Frau
kommt zur Erstanamnese mit der Diagnose “Colitis
ulcerosa”. Wenn sie akute Schübe hat, dann führt das
zu heftigen Durchfällen die meist mit Blut oder
Schleim vermischt sind. Seit kurzem weiß sie das sie
schwanger ist (11. Woche). Die Colitis ist momentan
symptomfrei, der letzte Schub liegt nun sechs Monate
zurück. Zurzeit nimmt sie keine allopathischen
Arzneien ein. Sie hat lediglich etwas Übelkeit
(jedoch ohne Erbrechen), ansonsten geht es ihr gut
momentan und sie freut sich über die Schwangerschaft.
Sie hat gehört die Homöopathie hat bei der Behandlung
von chronischen Darmerkrankungen Erfolge erzielt und
sie möchte diese nun angehen.
Durchaus vermag die Homöopathie bei chronischen
Krankheiten wie der Colitis ulcerosa deutliche
Besserungen zu bewirken. Der homöopathische
Therapiebeginn sollte im genannten Fallbeispiel
allerdings nicht zum jetzigen Zeitpunkt stattfinden.
Da momentan keine Symptome und Einschränkungen durch
die Grunderkrankung vorliegen, sollte der Beginn der
chronischen Behandlung außerhalb
der
Schwangerschaft liegen. Wenn sich jedoch das
Symptombild und der Zustand während der
Schwangerschaft verändern, es noch mal zu akuten
Darmsymptomen kommt, so sind ein rascher
Behandlungsbeginn und eine homöopathische Behandlung
unbedingt empfehlenswert. Dieser Beginn erleichtert
sich durch die bereits durchgeführte Erstanamnese.
Akute Störungen rund
um die Geburt
Aus meiner früheren
Tätigkeit als Krankenpfleger habe ich viel
innerklinische Erfahrung (besonders in der
Intensivmedizin) sammeln können. Damals schon war ich
auf der Suche nach einer alternativen, aber auch
rasch wirksamen Heilmethode.
Diese Alternative habe ich mit der Homöopathie
gefunden. Die intensive Wirkung der passenden Arznei
lässt sich gerade in der Zeit rund um die Geburt, die
von Wachstum, Dynamik und großen Veränderungen
geprägt ist, in beeindruckender Weise beobachten.
Hier kann z.B. mit der passenden Arznei der werdenden
Mutter eine Hilfe zur Verfügung gestellt werden um
loszulassen, wenn sie von Ängsten geplagt in der
Eröffnungsphase feststeckt. Diese Angst, die sie
daran hindert sich weiter zu öffnen, lässt sie immer
mehr verkrampfen und dadurch verliert sie zunehmend
die ihr zur Verfügung stehende Kraft. Die Schmerzen
werden dabei unerträglich und die Geburt
verkompliziert sich zunehmend. Die für diesen Zustand
homöopathisch gewählte Arznei kann helfen die Geburt
zu verkürzen. Sie hilft die Schmerzen zu lindern und
unterstützt somit auch das positive Erlebnis der
spontanen Geburt für Mutter & Kind.
Auch das Neugeborene kann in der postnatalen Phase
enorm von einer frühzeitig gegebenen Arznei
profitieren. Hier besteht z.B. häufig die Indikation
einer Arzneigabe wenn sich das Kind von der Geburt
nicht rasch genug erholt (bedingt durch
Komplikationen im natürlichen Geburtsverlauf). Je
nach Kausalität und Ausprägung der jeweiligen Störung
(z.B. Trinkschwäche, träge Verdauung, Gelbsucht usw.)
kann auch hier die passende Arznei das Kind in seiner
Erholung und Weiterentwicklung sehr unterstützen.
Je früher die Mutter-Kindeinheit mit der
homöopathischen Arznei an der Stelle abgeholt wird wo
sich eine Blockade befindet (der natürliche Prozess
eine Störung erfahren hat und dadurch ein
“Sich-von-alleine-erholen“ ausbleibt), desto besser
wirkt es sich auf die spätere Entwicklung aus.
Die möglichst frühe “Akuthilfe” ist ein
Hauptkriterium warum ich die homöopathische
Ausbildung von Hebammen so sehr befürworte und
unterstütze.
Chronische Störungen
im Rahmen der Geburtshilfe
Häufig werde ich
aufgesucht von Frauen die bereits in einer vorherigen
Schwangerschaft oder während einer Geburt spezielle
Komplikationen erfahren haben. Sei es eine Neigung
zum Abort, oder einer sonstigen Komplikationen
während Schwangerschaft, Geburt & Wochenbett, all
dies sind Beweggründe für eine chronische Behandlung.
Hier zeigt meine Erfahrung wie wichtig es ist genau
hinzuhören um die erlebte Komplikation möglichst tief
in der Anamnese zu verstehen. Ich habe häufig
erfahren, dass sich das Bild der akut erlebten
Störung deckt mit der Arznei die man auch für den
chronischen Kontext gefunden hat. Das bedeutet, dass
man die “chronische” Arznei nun quasi auch
prophylaktisch einsetzt um einer weiteren negativen
Erfahrung (wie z.B. einer massiven Wehenschwäche
unter der Geburt) vorzubeugen. Ja, ich gebe der Frau
diese “chronische” Arznei in der angemessenen
Potenzierung auch als “akute” Hilfe mit zur Geburt
(auch hier ist die Information & Zusammenarbeit
mit der Hebamme gefragt!!). Hierauf kann sie dann
zurückgreifen wenn eine ähnliche Komplikation droht,
wie diese bereits erlebt hat. Oft ist die
Arzneiwirkung hier weitaus besser (da eine tiefere
Resonanz zur individuellen Dynamik besteht) als es
beim Einsatz einer sonst typischen, homöopathischen
Geburtsarznei der Fall ist. Denn diese muss in der
Akutsituation oft unter Zeitdruck verordnet werden.
Vorteile bestehen zu dieser Methode auch, weil die
Arznei im Vorfeld schon ihre positive Wirkung
entfalten konnte und die homöopathische Hilfestellung
im Akutfall schneller zur Verfügung steht. Hier merkt
die homöopathisch versierte Hebamme bald, ob sie bei
einem blockierten Geburtsverlauf bei der
“chronischen” Arznei bleiben kann, oder die Dynamik
doch einen Wechsel und somit die Gabe einer anderen
Akutarznei erfordert.
Materia medica rund
um die Geburt
Über viele Jahre
habe ich in meinen Arbeitskreisen die speziellen
Arzneien, aber auch klinischen Indikationen rund um
die Geburt erarbeitet, beleuchtet und vorgestellt.
Den alten Meistern der Homöopathie, wie etwa W.A.
Yingling, C. Knerr, aber auch C. Hering, stand damals
ein verlässlicher Pool von ca. 120 Arzneien im Rahmen
der Geburtshilfe zur Verfügung.
Sowohl der homöopathisch arbeitenden Hebamme als auch
jedem praktizierenden Homöopathen der Störungen rund
um die Geburt behandelt möchte, kann ich dieses
spezielle Studium der Materia medica nur empfehlen.
Man lernt dabei die Arzneien von einer sehr
dynamischen Seite kennen. Eine Seite wie man sie
sonst vielleicht nur aus der Akutbehandlung von
Verletzten oder fiebernden Kindern kennt.
Häufig habe ich in meiner Praxiszeit beobachten
dürfen wie beeindruckend schnell und vorteilhaft sich
die passende homöopathische Arznei in einer
Akutsituation auswirkt.
Vielleicht ist es das was meine Begeisterung in der
Behandlung der Themen rund um die Geburt ausmacht und
was mich antreibt Hebammen in der Handhabung des
homöopathischen Handwerks zu unterstützen.
Bonn, im Januar 2006
© Jürgen Weiland